Alicja Rogalska: For What It’s Worth

3. März bis 7. April 2024, Kunsthalle Recklinghausen

Kuration: Miriam Edmunds & Maxie Fischer

Die Arbeiten von Alicja Rogalska basieren auf kollaborativen und partizipatorischen Situationen. Einzelpersonen und Gruppen werden von ihr eingeladen, temporär Kollektive zu bilden, die in einer geteilten Lebenssituation, in gemeinsamen politischen Überzeugungen oder gesellschaftlichen Engagement gründen. Ihre Videoarbeiten betonen Momente von Handlungsfähigkeit, Solidarität und Rebellion und öffnen so einen Raum für die Vorstellung einer gesellschaftlichen Zukunft jenseits von Ausbeutung und Vereinzelung.

Die Ausstellung FOR WHAT IT‘S WORTH umfasst sieben Videoarbeiten aus den Jahren 2011 bis 2023. Diese geben einen konzentrierten Einblick in Rogalskas künstlerische Praxis und zeigen unterschiedliche Kontexte von Arbeit und Arbeitslosigkeit, die gleichermaßen die Lebensrealität sowie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft strukturieren. In den letzten Jahren hat sich Rogalskas Fokus von dezidiert kritischen Beobachtungen verlagert hin zu spekulativen Sichtweisen, um mögliche Alternativen zu aktuellen Dilemmata aufzuzeigen. Gemeinschaftliche Zukunftsvorstellungen und Utopien verdichten sich zu systematischen Vorgehensweisen, um festgefahrene Denkweisen gesellschaftlicher Probleme zu überwinden.

Alicja Rogalska, Dark Fibres, Kunsthalle Recklinghausen © Mathias Voelzke

Dark Fibres thematisiert einen Vorfall, der sich 2011 in dem georgischen Dorf Armazi ereignete. Hayastan Shakarian, eine ältere Dorfbewohnerin, durchtrennte angeblich das Internetkabel zwischen Georgien und Armenien, als sie auf der Suche nach Altmetall war, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Eine folgenreiche Handlung, welche die Internetversorgung in den meisten Teilen Armeniens und Georgiens für mehrere Stunden unterbrach. Zu ihrer Verteidigung soll sie gesagt haben, sie könne gar nicht dafür verantwortlich sein, da sie noch nie etwas vom Internet gehört habe.

Rogalska knüpft an diese Begebenheit an und thematisiert die verborgene und fassbare Beschaffenheit von Infrastrukturen. So bezieht sich der Titel der Arbeit auf Glasfaserkabel, die in Erwartung des exponentiellen Wachstums der Datenübertragung verlegt werden. Das Video zeigt spektakuläre Aufnahmen des Produktionsprozesses, gefilmt in Deutschland und vertont mit Chakrulo, einem traditionellen mehrstimmigen Gesang, der von einem georgischen Männerchor interpretiert wird. Der ursprüngliche Text des Liedes handelt vom bewaffneten Aufstand der bäuerlichen Gemeinschaft gegen die Feudalherrschaft, ein aus dem Mittelalter stammendes kulturelles Textgut, das von der Künstlerin für das „neue dunkle Zeitalter“ des IT-Kapitalismus anverwandelt wird.

Alicja Rogalska, Broniów Song, Kunsthalle Recklinghausen © Mathias Voelzke

Broniów Song ist ein zeitgenössisches Volkslied, das Rogalska 2011 zusammen mit der Gesangsgruppe Broniowianki aus dem polnischen Dorf Broniów geschrieben hat. Die ländliche Region Südmasowien ist bekannt für die intensive Pflege folkloristischen Kulturgutes und litt zu jener Zeit unter einer der höchsten Arbeitslosenquoten des Landes. Während die Melodie einem lokalen Liebeslied entlehnt ist, stützt sich der Text weitgehend auf Gespräche mit Einheimischen und thematisiert die vorherrschende sozioökonomische Situation der Menschen: „Wo einst das Land bestellt war, gibt es jetzt nur noch Sträucher und Wald. Die Felder sind von wildem Gras überwuchert und wir werden mit Subventionen gelockt. Doch es lohnt sich nicht, das Land zu bearbeiten. Die Leute leben von der Rente und von Gott weiß was, arbeiten in Gelegenheitsjobs in Warschau. […] Die jungen Leute sitzen vor dem Internet und machen ihren Abschluss an verschiedenen Schulen. Das Arbeitsamt rät ihnen, nach England, Italien und in die ganze Welt zu ziehen.“

Alicja Rogalska, Sister Flats I & Sister Flats II, Kunsthalle Recklinghausen © Mathias Voelzke

Reihen identisch aussehender Häuser sind ein alltäglicher Anblick im Kosovo. Sie sind als „Bruderhäuser“ bekannt und zeugen von der Stärke der familiären Bindungen und von einer performativen Gleichheit und Solidarität unter Männern. Schwestern werden nur selten in diese Praxis oder in das Familienerbe einbezogen, was ihre finanzielle Abhängigkeit von Vätern, Brüdern, Ehemännern und Söhnen zur Folge hat.

Sister Flats I nimmt einerseits den Immobilienboom in Prishtina und andererseits die geschlechtsspezifischen Auslagen in den örtlichen Geschäften in den Blick. Überdeutlich wird ein wirtschaftliches Ungleichgewicht und eine überkommene kulturelle Erwartungshaltung, in der Frauen darauf festgelegt sind, ihre Weiblichkeit stereotyp zur Schau zu stellen und in ihre Schönheit zu investieren: Oft die einzige Investition, die sie tätigen können, da sie keinen Zugang zu nennenswertem Kapital haben. Im Dialog mit lokalen feministischen Aktivistinnen erörtert Rogalska die häusliche Sphäre als einen Ort weiblicher Unterdrückung sowie mögliche Wege zur Emanzipation.

Sister Flats II entstand im Essener Stadtteil Steele in Nordrhein-Westfalen, dessen historischer Stadtkern in den 1970er Jahren einer radikalen Stadtentwicklungspolitik zum Opfer fiel. Dort untersucht Rogalska gemeinsam mit Architektinnen und Regionalplanerinnen, wie sich die Ungleichheit und Diskriminierung zwischen den Geschlechtern in dieser architektonischen Vision einer bereits vergangenen Zukunft ausdrückt. Mit Hilfe von KI-generierten Bildern wird der Blick erweitert und andere Wohn- wie Lebensformen angesprochen, in denen Frauen eine Gemeinschaft bilden, füreinander sorgen und versuchen, wirtschaftlich unabhängig zu sein.

Alicja Rogalska, Onodera San‘s Dream for the Future, Kunsthalle Recklinghausen © Mathias Voelzke

Onodera San‘s Dream for the Future zeigt die intimen Routinen der täglichen Pflege an einem nicht näher benannten Ort in Japan. Das Video basiert auf einer Zusammenarbeit mit Arifumi Taneda, einem Pflegearbeiter und Kiyoko Onodera, einer älteren Frau, die von Taneda betreut wird. Mit dem Smartphone aus dessen Perspektive gefilmt, zeugen die Handlungen, wie das Vorbereiten und Anreichen der Mahlzeiten, die hygienische und körperliche Versorgung, das Massieren und Bewegen der Gliedmaßen und das Miteinander der beiden Personen von einer ergreifenden Unmittelbarkeit. Darüber hinaus teilt Onodera ihre persönliche Sicht auf Alter und Tod, ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen.

Ein zweites Video dokumentiert eine Unterhaltung zwischen Rogalska und Taneda über die sozialen und wirtschaftlichen Kontexte der Fürsorgearbeit in Japan. Dass das Gespräch notwendigerweise unter Zuhilfenahme einer Onlineübersetzungssoftware stattfand, befragt sinnfällig auch die Möglichkeiten und Grenzen einer Automatisierung, wie sie nicht zuletzt auch in der Pflege zunehmend Anwendung findet.

Alicja Rogalska, Tear Dealer & Onodera San‘s Dream for the Future , Kunsthalle Recklinghausen © Mathias Voelzke

Der Tränenhändler eröffnete im Juli 2014 für einige Tage in einer Hauptstraße mit Pfandhäusern, Secondhand-Läden und Kredithaien in Lublin, Südostpolen, in einem Gebiet mit hoher Arbeitslosigkeit und sozioökonomischer Ausgrenzung. In speziell eingerichteten Räumen, die gleichermaßen an eine Bank, einen Schönheitssalon und eine Umkleidekabine erinnern, konnten Menschen ihre Tränen produzieren und verkaufen: 3 ml für einen Gegenwert von 25 Euro.

Tear Dealer ist eine radikale Auseinandersetzung mit der Kommerzialisierung von Emotionen als „Wa(h)re Gefühle“. Die Teilnehmenden hatten die Möglichkeit, ihre Gefühle der Verzweiflung, Wut, Traurigkeit und Frustration in einem unterstützen- den, aber dennoch angemessen ausbeuterischen Umfeld kollektiv auszudrücken und daraus Kapital zu schlagen. Knapp 200 Personen nahmen an dem Projekt teil, das aufgrund unerwartet großen Interesses vorzeitig beendet werden musste, da die finanziellen Mittel schneller als geplant ausgeschöpft waren.

Text: Maxie Fischer, 2024