Julia Fullerton-Batten: Interpretations

10. November 2023 bis 4. Februar 2024, IPFO Haus der Fotografie, Olten

Kuration: Miriam Edmunds

Mit Interpretations präsentiert die renommierte britische Fine-Art-Fotografin Julia Fullerton-Batten erstmals ihre Werke in einer Soloausstellung in der Schweiz. Die Ausstellung bietet die Gelegenheit, ihren theatralischen Stil hautnah zu erleben und in die faszinierende Welt des visuellen Erzählens einzutauchen. Bekannt für die Wahl ungewöhnlicher Schauplätze und die filmische Inszenierung ihrer Modelle, erzeugt sie eine aussergewöhnliche visuelle Spannung. Durch das geschickte Spiel mit Licht und Schatten, Perspektiven und Kompositionen verleiht Fullerton-Batten ihren Werken eine geheimnisvolle Atmosphäre, die die Betrachter:innen dazu einlädt, verborgene Geschichten und tiefere Bedeutungen in ihren Fotografien zu entdecken.

Julia Fullerton-Batten, aus: Photographie mon amour, IPFO Haus der Fotografie © Finja Basan

Die Serien Unadorned (2012) und The Male Body (2021) thematisieren Schönheit, Körperbilder und die gesellschaftliche Wahrnehmung der menschlichen Form. Die nackten Modelle sind vor modernen Kulissen inszeniert, wobei die Fotografin die sanfte Beleuchtung von Kerzen- und Mondlicht wie in Ölgemälden alter Meister simuliert. Der starke Kontrast zwischen den Körpern der Modelle und ihrer Umgebung hebt ihre Formen hervor und schafft einen eindrucksvollen visuellen Dialog. In diesem Dialog dekonstruiert die Fotografin klischeehafte Vorstellungen von Schönheit und Männlichkeit, indem sie Menschen in verletzlichen, introspektiven Posen zeigt.

Julia Fullerton-Batten, Jevon, aus: The Male Body © Julia Fullerton-Batten

Die Werkserie Feral Children (2015) beschäftigt sich mit der Geschichte von Kindern, die isoliert von menschlichen Kontakten, oft in der Wildnis, aufgewachsen sind. Das Leben dieser sogenannten «Wolfskinder», die extreme Vernachlässigung, Missbrauch oder Isolation erfahren haben, wird durch inszenierte und sorgfältig konstruierte Bilder neu interpretiert und dargestellt. Die Serie erweckt verschiedene dokumentierte Fälle aus der Geschichte zum Leben und zeigt die harte und erschütternde Realität der Erfahrungen dieser Kinder, während sie gleichzeitig Empathie und Nachdenklichkeit über die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes unter solch aussergewöhnlichen Umständen hervorruft.

Julia Fullerton-Batten, aus: Feral Children, IPFO Haus der Fotografie © Finja Basan

In der Serie Looking Out From Within (2020 – 2021) wirft Fullerton-Batten einen Blick auf den Alltag in ihrem Wohnviertel in West London während der Covid-19-Pandemie. Die Portraits zeigen Menschen in ihren Häusern oder an ihren Arbeitsplätzen, die durch ein Fenster nach draussen blicken. Die Komposition bezieht oft den Fensterrahmen mit ein und verstärkt so die Trennung zwischen Innen- und Aussenwelt. Die Serie thematisiert die Isolation und Einsamkeit während der pandemischen Abriegelung und erforscht das Gefühl der Sehnsucht nach der alten Normalität.

Julia Fullerton-Batten, Kitty, Lockdown Day 92, aus: Looking Out From Within © Julia Fullerton-Batten

Contortio (2021) ist eine Hommage an die aussergewöhnliche Flexibilität und Körperbeherrschung von Kontorsionist:innen. Die Modelle nehmen extreme und ungewöhnliche Posen ein, die ihre Fähigkeiten und ihr Können unterstreichen. Die Fotografien erhalten durch das Spiel von Licht und Schatten eine plastische, fast dreidimensionale Qualität, die die Muskeln und Bewegungen der Kontorsionist:innen noch stärker zur Geltung bringt.

Julia Fullerton-Batten, Flexible Roxy 2, aus: Contortion © Julia Fullerton-Batten

Die Serie Old Father Thames (2018 – 2024) ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Fluss Themse und seiner historischen, kulturellen und sozialen Bedeutung. Fullerton-Batten fotografiert Szenen, die auf geschichtlichen Ereignissen und legendären Mythen basieren, und beleuchtet die Rolle des Flusses im Leben der Londoner und der verschiedenen sozialen Schichten, die im Laufe der Jahrhunderte mit dem Fluss in Berührung gekommen sind und ihn geprägt haben. Der Fluss wird als lebendiges Symbol Londons dargestellt, das sowohl Schönheit als auch Schrecken in sich birgt, und wird in verschiedenen Stimmungen und Jahreszeiten gezeigt, was seinen wechselhaften Charakter unterstreicht. Die Serie spiegelt auch Fullerton-Battens persönliche Beziehung zur Themse wider, denn als langjährige Bewohnerin Londons ist sie der Stadt und ihrem Hauptfluss tief verbunden. Der Fotografin gelingt es, ein vielschichtiges Portrait der Themse zu zeichnen und ein beeindruckendes visuelles Epos zu schaffen.

Julia Fullerton-Batten, aus: Old Father Thames, IPFO Haus der Fotografie © Finja Basan