3. März bis 7. April 2024, Kunsthalle Recklinghausen
Kuration: Miriam Edmunds & Maxie Fischer
Die Arbeiten von Laura Bielau entstehen als eine Auseinandersetzung mit den Konventionen und Erwartungen an das fotografische Bild. Zentral ist
in diesem Zusammenhang das Labor als ein Ort des Experiments, der Kontrolle und der Produktion. Während sie zunächst die Handlungszusammenhänge im lichtdichten Raum der Dunkelkammer in den Blick nimmt, weitet sich ihr Themenspektrum ausgehend vom Fotolabor zu wissenschaftlichen Laboren. In ihren als Serien konzipierten Arbeiten umkreist sie ihre Sujets wie eine Forscherin über mehrere Jahre hinweg. Sukzessive und in immer neuen Anordnungen und Kontexten untersucht sie die Konstruktion, Aussage- und Verweiskraft von Bildern. Ihre Fotografie ist ein Geflecht aus Referenzen, Metaphern und Verweigerungen und dabei stets eine Erinnerung, dass unter jedem Bild immer schon ein anderes liegt.
Die Ausstellung ARBEIT, TEST, FOTOGRAMME, ICH bezieht sich bereits im Titel auf die gezeigten Werkkomplexe. Daran anschließend ließe sich Bielaus Ansatz auch als eine Ästhetik des „Abzugs“ beschreiben. Nicht nur, dass sie die materielle Manifestation ihrer Bilder als Silbergelatineprints, Sticker oder Arbeitsabzüge explizit thematisiert, auch ihre Fotografie ist eine unaufhörliche Reduktion des Motivs. Was braucht ein Bild um als solches zu funktionieren? Und was lässt sich subtrahieren, um es auf die Grundfeste seines Seins zu komprimieren?

ARBEIT: Eine Scheibe Brot mit Butter, die eigene Hand, eine Zahnbürste. All diese Dinge befinden sich in Bielaus Atelier. Was sie damit macht, ist Arbeit. Doch was
ist Arbeit? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Oder mit Hannah Arendt gefragt: Was tun wir, wenn wir tätig sind? Wo sind wir, wenn dir denken? Bielaus Beschäftigung mit diesen Fragen begann in Industriebetrieben und Fabriken, wo sie die Angestellten im Wechsel von Tag- und Nachtschicht fotografierte. Schließlich richtete sie ihren Blick auf sich selbst: Arbeit ist für Bielau eine Konstante lebendigen Daseins, die sich in ihrer physischen, psychischen und sozialen Dimension nicht in ökonomischen Debatten auflösen lässt. In dieser Lesart ist das Bild einer Scheibe Brot ein Ausdruck existentieller Bedürfnisse. Die eigene Hand wird zur Voraussetzung, um tätig zu sein. Sie kann sich aber auch, wie in der Abbildung zweier verschlungener Fäuste, in eine Kraftanstrengung gegen sich selbst wenden.
Die fotografischen Serien changieren zwischen ikonischer Darstellung, Minimalismus und sachlicher Nüchternheit. Ihre Schwarzweißfotografien sind losgelöst von den Größenverhältnissen der eigentlichen Objekte und setzen diese fast ohne Tiefenwirkung ins Bild. Bielau findet so eine formale Ebene, welche den Objekten eine Präsenz fernab ihrer Funktion zugesteht. In dieser Abstraktion lassen sich zahlreiche Verbindungen zu anderen Werken und künstlerischen Positionen ausmachen. Die von Hand gemalte Sprechblase, die über den Rand des Bildes hinausragt, erinnert an die gespielte Banalität der einst Grenzen überschreitenden Pop Art. Die Banane wird zur Chiffre weiblicher Emanzipation und kann als Verweis auf die Konzeptkünstlerin Natalia LL gelesen werden, deren inszenierte Selbstporträts mit Banane als Kritik am Konsum und der westlichen Darstellung von Körpern gelten. Bielau beschreibt die Beziehungen zwischen den Werken als Komplexität und Vernetzung innerhalb der Kunst. Die Rezeption und der Austausch mit Konzepten und Erfahrungen gehen in ihr Werk ein und zeigen eine weitere Dimension von Arbeit als eine beständige Beschäftigung und Teilhabe.


Ausgangspunkt für TEST war eine Ameisenkolonie, die Bielau zeitweise in ihrem Atelier ansiedelte. In dieser Versuchsanordnung beobachtete sie die hierarchische und staatenbildende Organisation der Insekten, in der die Existenz der altruistischen Arbeiterinnen darauf ausgerichtet ist, dass die Königin ihre Gene an die Nachkommen weitergibt. Übertragen auf die Zusammenhänge außerhalb des Ateliers, beschäftigt sich ihre künstlerische Forschung mit der Verwobenheit alles Kreatürlichen. Dazu untersucht sie die geteilte Bedürfnislage von Menschen und Tieren sowie deren Abwägungen hinsichtlich Kooperation und Eigennutzen. Dem ungeachtet bleibt jedoch der Drang des Menschen, Kontrolle über die Tier- und Pflanzenwelt zu erlangen und das Kräfteverhältnis zu den eigenen Gunsten zu verschieben.
Bielaus Recherche ist umfangreich: Ihre Aufnahmen entstanden in Forschungseinrichtungen für Verhaltensbiologie, Pflanzengenetik und Viruserkrankungen. Sie reiste auf die Ostseeinsel, wo das Erbgut des letzten, kürzlich verstorbenen nördlichen Breitmaulnashornbullen aufbewahrt wird. Sie fotografierte in einem Primatenzentrum, wo Affen für Forschungszwecke eingesetzt werden sowie in einem Institut für Kulturpflanzen und Pflanzengenetik, wo Keimlinge mit künstlich erschwerten Umweltbedingungen Resistenzen gegen Klimaveränderungen ausbilden. Sie besichtigte Müllaufbereitungsanlagen, Protestcamps und fotografierte viel in der freien Natur, etwa Nester und Unterschlüpfe im Stadtraum oder an sommerlichen Brandherden nahe der Autobahn 9 in Brandenburg. Schließlich beschäftigte sie sich mit der Darstellung von Lebewesen und Lebensräumen in der Literatur, in der Werbung oder aber in Computerspielen sowie in Bezug auf politische Propaganda. Eines der von ihr angeführten Referenzbilder stammt von John Vachon aus dem Jahr 1941 und zeigt die endlosen Gatter der fleischverarbeitenden Industrie der Union Stock Yards in Chicago. Ein anderes Bild verweist auf eine Plakatkampagne in der ehemaligen DDR, als für eine Schädlingsplage in den 1950er Jahren der sogenannte „Amikäfer“ verantwortlich gemacht wurde. Daneben stehen verschiedene Darstellungen von Tieren mit menschlichen Zuschreibungen, etwa die kluge Ratte bei Wilhelm Busch oder eine Sau mit Ohrringen und kurzem Kleid. Bielaus Bilder, überwiegend mit dem Smartphone aufgenommen oder als Screenshot gespeichert, sind ein fortwährender Prozess der Recherche und Reflexion darüber, wie sehr ökologische Themen von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen durchdrungen sind.

Das Fotogramm ist eine bildgebende Methode, die bis in die Anfänge der Fotografie in den 1830er Jahren zurückreicht und bei der die Objekte im Kontaktverfahren direkt auf dem Fotopapier belichtet werden. Für Bielau sind ihre FOTOGRAMME eine künstlerische Spielart, die einen unmittelbaren und intuitiven Umgang mit dem Medium ermöglichen.
Wörter, Farben, Formen, Bilder: Über eine Folie, die wie ein Negativ funktioniert, werden Motivmöglichkeiten erprobt und die Farbfilter ausgeschöpft. Unikat und Arbeitsabzug sind hier eins. In diesen Skizzen finden sich zahlreiche Hinweise und Andeutungen auf fotografische und persönliche Fragestellungen. Begriffe erscheinen als Variablen für die es noch keine Definition als Bild gibt. Abgetippte Notizen zeigen ästhetische Herausforderungen auf. 8 Stunden als Intervall des Lebens: Arbeiten, Schlafen, Freizeit; Sie und ihr Bruder an den Händen der Mutter, fotografiert vor einem Kindergarten und abgedruckt in einer Lokalzeitung, nebst einem Artikel über berufstätige Frauen in der DDR; Die Formel „n.l.“ oder „nicht lösbar“ als eine Strategie aus der Kindheit, um sich die Welt zu erklären.

ICH gibt den Blick frei auf die Person hinter der Kamera, die ebenso einem Gewebe von Beziehungen, Prägungen und Ansichten entstammt wie ihre Bilder. ICH zeigt Bielau als Fotografin, allein in ihrem Atelier, vertieft in andere künstlerische Arbeiten, zurückgeworfen auf sich selbst und als ihr einziges Gegenüber. Sie fotografiert und wird fotografiert, als Schwester, Tochter und als Mutter. ICH ist eine fortwährende Befragung und Reflexion der eigenen Position als Fotografin.
Text: Maxie Fischer, 2024