Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden

27. September bis 20. Dezember 2026, Kunstmuseum Thurgau

Kuration: Amelie Boscher & Miriam Edmunds

Die Ausstellung Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden fragt, wie wir Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt gewinnen. Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums Thurgau sowie Leihgaben führen durch äussere und innere Landschaften und erzählen von Erinnerung und Verdrängung, Alter und Veränderung, Flucht und Zugehörigkeit.

Ausgangspunkt ist die Karte als Instrument der Orientierung. Karten ordnen Räume, markieren Grenzen und zeigen Wege. Sie sind jedoch nie neutral: Sie lassen aus, setzen Schwerpunkte und bestimmen Sicht- und Unsichtbarkeiten, Grössenverhältnisse und Standpunkte. Damit sind sie auch Machtinstrumente. Die Ausstellung greift das Kartieren als Bild dafür auf, wie Menschen ihre Beziehung zur Welt und zum eigenen Leben immer wieder neu bestimmen. Die Karte gibt dabei keinen sicheren Weg vor, sondern öffnet einen Raum für unterschiedliche Perspektiven, Brüche und mögliche Neuorientierungen.

Ausstellungsansicht Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden, Kunstmuseum Thurgau, Foto: Stefan Rohner

In Michael Golz’ Lebensprojekt Athosland verdichtet sich eine seit seiner Kindheit entwickelten Fantasiewelt zu einer eigenen, stetig weiterwachsenden Geografie. Auf derzeit über 20 × 20 Metern visualisiert Golz detailreich An- und Aufsichten von Einkaufsstrassen, Wohnhausreihen und Landschaften, die in ihrer grossen Masse manchmal an Wimmelbilder erinnern, und die mittlerweile die Grenzen jeglicher Übersichtlichkeit sprengen.

Michael Golz, Athosland, Kunstmuseum Thurgau

Die von Golz geschaffene Welt wird von Menschen und anderen Wesen bevölkert. «Ängstlichenzähnen», «Brucktieren», «Putzviechern», «M-Schlangen», «Autobahn-Schlangen», «Ziehdingern» und «Ifichen». Nach Letzteren ist auch die gesprochene Sprache im Athosland, die «Ifichensprache», benannt. Einem Teil dieser Wesen verlieh Wulf Golz in den Werken Bewohner von Athosland eine visuelle Gestalt.

Michael Golz entwirft keine unbeschwerte, sorglose Welt, sondern eine, in der auch Angst und Abgründiges, Gewalt und Ungerechtigkeiten existieren. «Das Land Athos erzählt von der [realen] Welt, hält ihr einen gigantischen Zerrspiegel vor und spiegelt deren unvorstellbare Maßlosigkeit wider.» (Ausst. Kat. 2016)

Ausstellungsansicht Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden, Kunstmuseum Thurgau

Esther Ernsts Arbeiten sind ein Konglomerat aus Persönlichem und Ortsspezifischem. Sie sind Aufschriften ihres Lebens und ihres Blicks auf die Welt, zeugen von Orten, die die Künstlerin besucht oder bewohnt hat, von Begegnungen, Wahrnehmungen und Recherchen.

Über ihre Arbeit schreibt die Künstlerin: «Mich interessiert das Herstellen von Karten als ein Unterfangen in das Wissen und Vermutung zugleich hineinspielen. Ich möchte Geschichten über Orte erzählen, in denen Angst, Liebe, Erinnerungen und Begeisterung Platz haben.» d’obe luftet’s entstand während eines einmonatigen Aufenthalts der Künstlerin im historischen Hotel Regina in Mürren. Auf Wanderungen rund um das Schilthorn hält Ernst Moränen und schmelzende Gletscher ebenso wie Touristenströme, Pilze oder eine frisch geschossene Gämse fest.

Esther Ernst, d’obe luftet’s (links), Berlin Umrundungen (mitte), Kairo (rechts), Kunstmuseum Thurgau

Über vier Jahre erkundete Ernst zu Fuss das rund 400 Kilometer lange Stadt-Umland-Gebiet von Berlin und Brandenburg. Unterwegs hielt sie Landschaften, Siedlungen, Industriegebiete, Wälder, Gewässer und persönliche Eindrücke zunächst auf einzelnen Arbeitsblättern fest und übertrug sie anschliessend auf die grossformatige Zeichnung Berlin Umrundungen.

Für die Karte der Britzer Zufriedenheit besuchte die Künstlerin während zweier Monate regelmässig die Berliner Kleingartenanlage «Zufriedenheit». Beobachtungen vor Ort, Gespräche mit Gärtner:innen und Eindrücke des vielfältigen Ökosystems gingen in eine persönliche Kartografie der Anlage ein. Formal nimmt die Zeichnung zugleich Bezug auf einen Perserteppich aus dem Museum für Islamische Kunst in Berlin und verbindet damit den Kleingarten mit der Vorstellung des Gartens als Sehnsuchts- und Rückzugsort.

Esther Ernst, Kairo, Kunstmuseum Thurgau

In der Publikation Kairo dokumentiert Ernst in tagebuchartigen Zeichnungen und Notizen ihren Aufenthalt in Kairo im Jahr 2018.

Rahel Müller befasst sich in ihrer künstlerischen Praxis unter anderem mit den Themen der Transparenz, Veränderung und Auflösung. In swinging und bridges dienen Landkarten als materielle Grundlage, die Müller mit semitransparenten Farb- und Wortschichten überarbeitet.

Topografien werden hervorgehoben, überlagert oder zum Verschwinden gebracht. Die Eingriffe verweisen auf die ständige Veränderung von Landschaft und darauf, dass (Land)Karten als gedruckte Abbilder immer nur einen vorläufigen Zustand festhalten und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits wieder veraltet sind.

Rahel Müller, bridges (links), swinging (rechts), Kunstmuseum Thurgau

Olivia Abächerli spürt in Ibu Silla den Leerstellen in der Überlieferung einer Frau aus Borneo im heutigen Indonesien nach. Ausgangspunkt sind die Tagebücher des Schweizer Söldners Alois Wyrsch, in denen jene Passagen, die von Ibu Silla erzählen, weitgehend herausgeschnitten wurden. Der Name der uns Unbekannten setzt sich aus dem indonesischen und malaiischen Wort «Ibu», das respektvoll Frau oder Mutter bedeutet, und «Silla» zusammen, wie sie von Wyrsch auch genannt wurde. Ibu Silla war Wyrschs «Haushälterin» – vermutlich Sklavin – und hatte mehrere Kinder mit ihm. Die ältesten beiden Kinder brachte er mit sich zurück in die Schweiz, während sein jüngster Sohn und Ibu Silla in Borneo zurückgelassen wurden.

Olivia Abächerli, Ibu Silla, Kunstmuseum Thurgau

In 14 Kapiteln entwirft Abächerli mögliche Biografien Ibu Sillas zwischen Dokumentation und Imagination. Fragen und Vermutungen kartieren ein Leben, das sich nicht mehr rekonstruieren lässt. Damit richtet Abächerli den Blick auch auf koloniale Machtverhältnisse in der Geschichtsschreibung und setzt den ausgelöschten Spuren mögliche Erzählungen entgegen.

François Burland, Route maritime et commerciale du fromage de la colère, Kunstmuseum Thurgau

François Burlands grossformatige Karte Route maritime et commerciale du fromage de la colère rückt die wenig bekannte Verflechtung der Schweiz mit Kolonialismus und Sklavenhandel ins Blickfeld und macht sichtbar, was im nationalen Selbstbild bis heute kaum Platz findet.

Den Anstoss zum Projekt gab für Burland die spärliche Behandlung des Sklavenhandels im Schulunterricht seiner Tochter. Dieser Missstand und seine biografische Nähe zum Senegal bewegten ihn dazu, sich mit den Schweizer Verstrickungen in koloniale Handels- und Machtstrukturen auseinanderzusetzen. Anhand des weltberühmten Gruyère-Käses zeichnet Burland die direkte und indirekte Rolle nach, die die Schweiz im amerikanischen und afrikanischen Sklavenhandel zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert spielte. Als Exportgut gelangte der Käse in koloniale Handels- und Versorgungsnetze und wurde unter anderem zur Verpflegung kolonialer Truppen eingesetzt. So wird ein scheinbar alltägliches Schweizer Produkt zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit verdrängter Geschichte.

Ausstellungsansicht Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden, Kunstmuseum Thurgau

Refugee Republic von Jan Rothuizen, Martijn van Tol, Dirk-Jan Visser und Aart Jan van der Linden führt durch den Alltag im Flüchtlingslager Domiz im Nordirak und zeigt, wie Menschen unter den Bedingungen von Flucht und Verlust neue Strukturen und Formen von Normalität schaffen.

Jan Rothuizen, Martijn van Tol, Dirk-Jan Visser, Aart Jan van der Linden, Refugee Republic, Kunstmuseum Thurgau

Ausgehend von ihren Erkundungen vor Ort verbinden die Projektbeteiligten eine handgezeichnete Karte mit Video- und Tonaufnahmen, Fotografien und Texten. Ihre Beobachtungen überlagern sich mit den persönlichen Geschichten der Menschen, die in Domiz leben. So entsteht eine vielstimmige Kartografie des Alltags, in der Arbeit, Liebe, Wohnen und Freizeit ebenso ihren Platz finden wie die Erfahrung von Flucht. Eine ursprünglich provisorische Siedlung wird so als lebendiger Ort mit eigenen Strukturen und vielfältigem gesellschaftlichem Alltag sichtbar.

Sus Zwick, La Danse Furieuse I – III, Kunstmuseum Thurgau

La Danse Furieuse ist ein bislang dreiteiliges dokumentarisch-künstlerisches Langzeitprojekt der Künstlerin Sus Zwick über Frauen und ihr Älterwerden. Über mehr als zwei Jahrzehnte begleitete sie Gerda Marti, Ruth Marx, Christine Planta, Annemarie Pfister, Lena Rérat, Vreni Richner, Suzanne Sägesser (†) und Simi Wiederkehr. Ausgangspunkt war das Jahr 2000, in dem Zwick selbst fünfzig wurde. Auf der Suche nach Vorbildern für ein selbstbestimmtes, würdevolles Älterwerden jenseits von Verlustängsten und Anti-Aging-Versprechen bat sie acht Frauen aus ihrem Bekanntenkreis, vor der Kamera von ihren Erfahrungen zu erzählen: von Veränderungen, neu gewonnener Gelassenheit, Ängsten, Plänen und Erwartungen. Zwischen die Gespräche montierte Zwick Musik- und Naturaufnahmen und öffnete die Interviews so zu einer poetischen Betrachtung von Zeit und Vergänglichkeit.

Text: Amelie Boscher & Miriam Edmunds, Assistenz: Nima Wermelinger, 2026
Fotos: Stefan Rohner